Über den eigenen Tod spricht niemand gern. Schon gar nicht, wenn die Praxis läuft, das Team funktioniert und der Alltag ohnehin genug Aufmerksamkeit verlangt. Doch wenn eine Praxisinhaberin oder ein Praxisinhaber plötzlich verstirbt oder schwer erkrankt, geht es nicht nur um Trauer. Es geht auch um Handlungsfähigkeit, Vollmachten, Verträge, laufende Kosten, Personal, Patienten, Praxiswert, Kredite, Familie und Vermögen.
Genau darüber spricht Christian mit Holger Nentwig. Er begleitet seit vielen Jahren Zahnärztinnen und Zahnärzte als Finanzarchitekt und beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Praxisinhaber ihre Praxis, ihre Familie und ihr Vermögen besser schützen können. Der ein oder anderen Frage geht er dabei auch in seinem Podcast „Aufgebohrt & Nachgehakt“ nach, in dem auch Christian bereits zu Gast war – hier zu finden.
Ein zentraler Begriff in seiner Arbeit ist das „Probesterben“. Gemeint ist damit keine Panikmache, sondern ein strukturierter Blick auf den Ernstfall, bevor er eintritt.
Christian:
Holger, du sprichst vom „Probesterben“. Das klingt im ersten Moment ziemlich provokant. Was steckt hinter diesem Begriff?
Holger:
Ja, der Begriff ist bewusst etwas provokant. Nicht, um Angst zu machen, sondern um wachzurütteln.
Beim Probesterben geht es darum, den Ernstfall einmal gedanklich durchzuspielen. Was passiert, wenn ich morgen nicht mehr da bin? Wer kann dann handeln? Wer kennt die Passwörter, Verträge, Kredite, Vollmachten und Verpflichtungen? Wer spricht mit der Bank, dem Steuerberater, dem Praxispersonal oder möglichen Käufern? Und was passiert mit meiner Familie, wenn sie plötzlich nicht nur trauert, sondern auch noch unternehmerische Entscheidungen treffen muss?
Viele Zahnärzte haben viel geregelt, aber oft nicht zusammenhängend. Da gibt es vielleicht eine Versicherung, irgendwo ein Testament, vielleicht eine Vollmacht und viele Unterlagen in verschiedenen Ordnern. Aber die entscheidende Frage ist: Funktioniert das im Ernstfall wirklich?
Genau darum geht es beim Probesterben. Wir schauen uns nicht theoretisch an, was schön wäre, sondern ganz praktisch: Wenn morgen etwas passiert, was läuft dann weiter, was bleibt liegen und wo entsteht sofort ein Problem?
Christian:
Wann ist aus deiner Sicht der richtige Zeitpunkt, sich als Praxisinhaberin oder Praxisinhaber mit diesem Thema zu beschäftigen?
Holger:
Der richtige Zeitpunkt ist nicht erst kurz vor dem Ruhestand. Eigentlich beginnt das Thema mit dem Moment, in dem jemand unternehmerische Verantwortung übernimmt.
Spätestens mit der eigenen Praxis sollte man sich damit beschäftigen. Denn ab dann hängen plötzlich viele Menschen und viele Verpflichtungen an einer Person: Familie, Mitarbeitende, Patienten, Vermieter, Banken, Lieferanten und oft auch Praxispartner.
Viele denken: „Ich bin doch noch jung, gesund und mitten im Aufbau.“ Aber genau dann entstehen die größten Verpflichtungen. Da werden Kredite aufgenommen, Investitionen getätigt, Personal eingestellt, Verträge unterschrieben und private Pläne gemacht. Wer in dieser Phase ausfällt, hinterlässt oft keine fertige Struktur, sondern eine Baustelle.
Deshalb ist mein Rat: Nicht warten, bis alles „fertig“ ist. Eine Praxis ist nie fertig. Man sollte die Notfallstruktur parallel zum Praxisaufbau mitdenken und regelmäßig aktualisieren.
Christian:
Warum sollten sich gerade selbstständige Zahnärztinnen und Zahnärzte frühzeitig mit dem eigenen Ausfall, Tod oder einer schweren Erkrankung auseinandersetzen?
Holger:
Weil eine Zahnarztpraxis sehr stark an der Person der Inhaberin oder des Inhabers hängt.
Bei einem Angestellten ist vieles klarer geregelt. Wenn ein Selbstständiger ausfällt, betrifft das sofort das Unternehmen, die Familie und das Vermögen. In der Zahnarztpraxis kommt noch hinzu, dass die persönliche Leistung eine zentrale Rolle spielt. Die Patienten kommen wegen der Zahnärztin oder des Zahnarztes, das Team ist auf diese Person ausgerichtet und viele Verträge laufen auf den Inhaber.
Wenn hier nichts geregelt ist, kann innerhalb kurzer Zeit enormer Druck entstehen. Wer darf die Praxis weiterführen? Wer darf Zahlungen freigeben? Wer darf mit der Bank sprechen? Was passiert mit laufenden Behandlungen? Was passiert mit dem Personal? Das sind keine abstrakten Fragen. Das sind sehr konkrete Alltagsthemen, die im Ernstfall sofort auf dem Tisch liegen.
Christian:
Was passiert in einer Zahnarztpraxis ganz konkret, wenn der Inhaber plötzlich verstirbt oder nicht mehr entscheidungsfähig ist?
Holger:
Zunächst entsteht Unsicherheit. Das Team weiß häufig nicht, wer entscheiden darf. Die Familie ist emotional belastet. Die Bank möchte wissen, wie es weitergeht. Kosten laufen weiter. Patienten müssen informiert werden. Termine müssen organisiert werden. Gleichzeitig muss geklärt werden, ob die Praxis weitergeführt, vertreten, verkauft oder geschlossen wird. Und dann merkt man sehr schnell, ob Strukturen vorhanden sind oder nicht.
Gibt es eine Vertretungsregelung? Gibt es Vollmachten? Gibt es eine Liste der Verträge? Gibt es Zugang zu Konten, Versicherungen, Finanzierungen und Praxisunterlagen? Gibt es einen Ansprechpartner, der die Familie durch diese Situation begleitet? Wenn das alles fehlt, verliert man wertvolle Zeit. Und Zeit ist in dieser Situation nicht nur emotional belastend, sondern auch wirtschaftlich teuer. Eine Praxis kann sehr schnell an Wert verlieren, wenn sie nicht geordnet handlungsfähig bleibt.
Christian:
Welche Folgen kann das für die Familie haben, wenn Vollmachten, Testament oder Unterlagen nicht sauber geregelt sind?
Holger:
Die Familie ist in einer solchen Situation doppelt belastet. Einerseits durch den persönlichen Verlust. Andererseits durch Fragen, auf die sie oft gar nicht vorbereitet ist.
Viele Ehepartner oder Kinder wissen nicht, welche Verpflichtungen bestehen. Sie kennen vielleicht die private Seite, aber nicht die unternehmerische Struktur. Welche Darlehen gibt es? Welche Leasingverträge laufen? Welche Versicherungen greifen? Welche steuerlichen Themen kommen auf die Familie zu? Gibt es Gesellschaftsverträge? Gibt es private Bürgschaften? Wer ist Erbe? Wer darf überhaupt entscheiden?
Wenn dann keine sauberen Vollmachten oder kein passendes Testament vorhanden sind, wird es kompliziert. Im schlimmsten Fall können Angehörige nicht handeln, obwohl dringend Entscheidungen getroffen werden müssten. Das ist genau der Punkt, den viele unterschätzen. Es geht nicht nur darum, Vermögen zu erhalten und zu vererben. Es geht darum, Handlungsfähigkeit zu sichern.
Christian:
Viele Praxisinhaber denken beim Thema Absicherung zuerst an Versicherungen. Warum greift das aus deiner Sicht zu kurz?
Holger:
Versicherungen sind wichtig, aber sie sind nur ein Baustein. Eine Versicherung löst nicht automatisch das Organisationsproblem. Sie beantwortet nicht die Frage, wer Zugriff auf Unterlagen hat. Sie ersetzt keine Vollmacht. Sie klärt nicht, was mit der Praxis passiert. Sie strukturiert keine Nachfolge und sie macht aus ungeordneten Verhältnissen keine klare Strategie.
Ich erlebe häufig, dass Menschen glauben, sie seien abgesichert, weil sie irgendwann einmal eine Versicherung abgeschlossen haben. Aber Absicherung bedeutet viel mehr. Es geht um Verträge, Vermögensstruktur, Liquidität, Familie, Steuerfragen, Vollmachten, Testament, Praxiswert und Entscheidungswege. Eine gute Absicherung beginnt deshalb nicht mit einem Produkt, sondern mit einer Analyse. Was ist vorhanden? Was fehlt? Was passt nicht mehr zur aktuellen Lebenssituation? Was würde im Ernstfall wirklich passieren? Erst danach kann man sinnvoll entscheiden, welche Instrumente gebraucht werden.
Christian:
Welche Rolle spielen Praxiswert, laufende Finanzierungen, Personal und Verträge im Ernstfall?
Holger:
Eine sehr große Rolle. Viele Praxisinhaber sehen den Praxiswert als etwas Stabiles. Aber der Wert einer Praxis hängt davon ab, ob sie funktioniert, ob Patienten bleiben, ob das Team stabil ist und ob ein möglicher Käufer eine geordnete Struktur vorfindet.
Wenn der Inhaber plötzlich wegfällt und nichts vorbereitet ist, kann der Wert sehr schnell sinken. Nicht unbedingt, weil die Praxis schlecht ist, sondern weil Unsicherheit entsteht. Laufende Finanzierungen und Verträge verschärfen das Thema. Miete, Gehälter, Leasing, Darlehen, Versicherungen und andere Verpflichtungen laufen weiter. Gleichzeitig kann der Umsatz kurzfristig einbrechen. Das bringt Druck in eine ohnehin schwierige Situation.
Auch das Personal ist entscheidend. Ein gutes Team kann Stabilität geben. Aber nur, wenn klar ist, wer führt, wer informiert und wie es weitergeht. Ohne Orientierung verliert man im schlimmsten Fall nicht nur Patienten, sondern auch Mitarbeitende.
Christian:
Du betrachtest Praxis, Familie, Vermögen und Nachfolge gemeinsam. Warum ist dieser ganzheitliche Blick so wichtig?
Holger:
Weil diese Bereiche in der Realität nicht getrennt sind. Der Zahnarzt ist nicht nur Behandler. Er ist Unternehmer, Arbeitgeber, Kreditnehmer, Ehepartner, vielleicht Vater oder Mutter, Immobilieneigentümer, Anleger und irgendwann auch Praxisabgeber. Wenn man nur einen Ausschnitt betrachtet, übersieht man oft die eigentlichen Risiken.
Als Beispiel: Eine Praxisfinanzierung betrifft nicht nur die Praxis. Sie kann Auswirkungen auf private Liquidität, Familienvermögen, Altersvorsorge und Nachfolge haben. Ein Ehevertrag betrifft nicht nur die Ehe, sondern möglicherweise auch den Schutz des Unternehmens. Eine fehlende Vollmacht betrifft nicht nur die Familie, sondern kann die Praxis handlungsunfähig machen. Deshalb reicht es nicht, einzelne Produkte oder Einzelthemen nebeneinander zu stellen. Es braucht einen roten Faden. Genau darin sehe ich meine Aufgabe: Zusammenhänge sichtbar machen und Struktur schaffen.
Christian:
Ich erlebe im Praxismarketing oft, dass Praxen stark in Sichtbarkeit, Wachstum und neue Patienten investieren. Warum sollte man dabei gleichzeitig auch über Stabilität, Absicherung und Notfallplanung sprechen?
Holger:
Weil Wachstum ohne Stabilität gefährlich werden kann. Natürlich ist Sichtbarkeit wichtig. Eine moderne Website, gute Auffindbarkeit, klare Positionierung und ein professioneller Außenauftritt können eine Praxis enorm nach vorne bringen. Aber wenn dadurch mehr Patienten, mehr Umsatz, mehr Personal, mehr Investitionen und mehr Verantwortung entstehen, muss die Struktur dahinter mitwachsen.
Marketing bringt Bewegung in die Praxis. Das ist gut. Aber jede Entwicklung braucht ein Fundament. Wenn eine Praxis wächst, werden die finanziellen und organisatorischen Abhängigkeiten größer. Dann reicht es nicht, nur nach außen stark aufzutreten. Die Praxis muss auch innen stabil sein. Deshalb passt Praxismarketing aus meiner Sicht sehr gut zu diesen Fragen. Wer eine Praxis ganzheitlich betrachtet, schaut nicht nur auf Sichtbarkeit, sondern auch auf Zukunftsfähigkeit. Und dazu gehört, dass die Praxis nicht sofort ins Wanken gerät, wenn der Inhaber ausfällt.
Christian:
Was sind typische Fehler, die dir bei Zahnärzten immer wieder begegnen, wenn es um Notfallplanung und Vermögensschutz geht?
Holger:
Der häufigste Fehler ist Verdrängung. Viele wissen, dass sie etwas regeln müssten, schieben es aber auf. Dann kommt der zweite Fehler: Man glaubt, mit einzelnen Maßnahmen sei alles erledigt. Ein Testament hier, eine Versicherung dort, vielleicht noch ein Ordner im Schrank. Aber niemand hat geprüft, ob das alles zusammenpasst.
Ein weiterer Fehler ist fehlende Transparenz. Unterlagen sind verstreut, Passwörter nicht auffindbar, Verträge unklar, Finanzierungen nicht sauber dokumentiert. Für den Alltag mag das irgendwie funktionieren. Im Ernstfall wird es zum Problem.
Und dann gibt es noch den Punkt Kommunikation. Viele sprechen nicht mit der Familie darüber, weil sie sie nicht belasten wollen. Das ist menschlich verständlich. Aber im Ernstfall ist es viel belastender, wenn niemand weiß, was zu tun ist.
Christian:
Was sollte eine Praxisinhaberin oder ein Praxisinhaber als ersten Schritt tun, wenn sie oder er das Thema endlich strukturiert angehen möchte?
Holger:
Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme. Nicht sofort ein neues Produkt kaufen oder beim Notar den erst besten Tipp umsetzten. Nicht sofort hektisch irgendetwas unterschreiben. Sondern erst einmal klären: Was ist vorhanden? Was fehlt? Was ist veraltet? Wer weiß Bescheid? Wer kann handeln? Wo liegen die Unterlagen? Welche Verpflichtungen bestehen? Welche Menschen wären im Ernstfall betroffen?
Ich empfehle, sich einmal bewusst einen Tag Zeit zu nehmen und den Ernstfall durchzuspielen. Nicht theoretisch, sondern ganz praktisch: Wenn ich morgen nicht mehr entscheiden kann, wer übernimmt was? Aus dieser Bestandsaufnahme entsteht dann eine Prioritätenliste. Vollmachten, Testament, Notfallordner, Finanzierungsstruktur, Versicherungen, Gesellschaftsverträge, Nachfolge, Liquidität. Nicht alles muss an einem Tag gelöst werden. Aber man muss anfangen. Und genau das ist der wichtigste Punkt: anfangen, bevor man gezwungen wird zu reagieren.
Christian:
Danke für das Gespräch, lieber Holger.
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Holger Nentwig
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