Für dieses Interview spreche ich mit Alexander Schmitt, Gründer und Geschäftsführer von diwium. Alex ist seit rund 30 Jahren in der Dentalbranche tätig und kennt Zahnarztpraxen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.
Seit 2019 ist Alex mit diwium selbstständig. Gemeinsam mit seinem Team berät er vor allem Zahnärztinnen und Zahnärzte, die sich mit einer eigenen Praxis niederlassen möchten. Dazu gehören sowohl Praxisübernahmen als auch Neugründungen.
Darüber hinaus begleitet diwium etablierte Praxen sowie Zahnärztinnen und Zahnärzte, die ihre Praxis abgeben möchten. Zum Kundenkreis zählen neben allgemeinen Zahnärztinnen und Zahnärzten auch Oralchirurgen, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen sowie Kieferorthopädinnen und Kieferorthopäden.
Im Mittelpunkt steht eine ganzheitliche betriebswirtschaftliche Begleitung. Diese reicht von der Suche nach einer geeigneten Praxis oder Fläche über die Investitions- und Finanzierungsplanung bis zu Vertragsverhandlungen, Praxiskonzeption und Eröffnung. Dabei greift Alex auf ein spezialisiertes Netzwerk unter anderem aus Banken, Steuerberatern, Rechtsanwälten, Architekten, Versicherungsberatern und Marketingexperten zurück.
Christian:
Alex, welche Fragen und Sorgen begegnen dir besonders häufig, wenn jemand zwischen einer Praxisübernahme und einer Neugründung schwankt?
Alex:
Die häufigsten Sorgen betreffen die Kosten, die Patientengewinnung und die Mitarbeitersuche.
Viele junge Zahnärztinnen und Zahnärzte kommen mit einer sehr konkreten Vorstellung zu uns. Sie suchen beispielsweise eine gut laufende Praxis mit vier bis sechs Behandlungszimmern, guten wirtschaftlichen Zahlen und einer attraktiven Lage außerhalb des Zentrums einer Großstadt.
Solche Praxen gibt es allerdings nur selten. Viele Zahnarztpraxen, die heute zur Übergabe stehen, wurden vor 20 oder 30 Jahren unter völlig anderen Voraussetzungen gegründet. Häufig verfügen sie nur über zwei bis vier Behandlungszimmer. Zwei bis drei Zimmer sind bei abzugebenden Praxen besonders typisch.
Deshalb müssen wir gemeinsam prüfen, welche Wünsche tatsächlich umsetzbar sind und ob möglicherweise eine kleinere Praxis mit Erweiterungsmöglichkeit oder eine Neugründung die bessere Lösung ist.
Christian:
Wie ist das Verhältnis bei deinen Projekten aktuell? Begleitest du deutlich mehr Übernahmen oder mehr Neugründungen?
Alex:
Aktuell entscheiden sich ungefähr 2/3 unserer Existenzgründer für eine Praxisübernahme. Etwa 1/3 gründen neu.
Die Tendenz verschiebt sich derzeit sanft in Richtung Neugründung. Das bedeutet aber nicht, dass sich das Verhältnis umkehrt und plötzlich mehr Neugründungen als Übernahmen stattfinden. Praxisübernahmen werden weiterhin den größeren Anteil ausmachen.
Das Interesse an Neugründungen nimmt vor allem deshalb etwas zu, weil nur wenige Bestandspraxen genau den Vorstellungen der Gründer entsprechen.
Gute Übernahmepraxen sind nach wie vor sehr gefragt. Besonders interessant sind beispielsweise kleinere Praxen, die wirtschaftlich gut aufgestellt sind und räumliche Erweiterungsmöglichkeiten bieten.
Christian:
Als wir uns vor einigen Jahren kennengelernt haben, waren die Baukosten noch ganz andere. Corona, Lieferengpässe und die allgemeinen Preissteigerungen haben einiges verändert. Mit welchen Kosten muss man bei einer Neugründung heute rechnen?
Alex:
Vor Corona lagen die Baukosten teilweise noch bei ungefähr 1.000 Euro netto pro Quadratmeter. Heute muss man eher mit etwa 2.000 bis 2.500 Euro netto pro Quadratmeter rechnen.
Je nach Größe, Standort und Ausstattung kann eine Praxisneugründung deshalb inzwischen Investitionen von 1,3 bis 1,5 Millionen Euro erfordern.
Das ist grundsätzlich nicht automatisch problematisch. Entscheidend ist, dass das Konzept, der Standort und die wirtschaftliche Planung zusammenpassen. Eine hochpreisige Neugründung ohne klare Positionierung und ohne realistische Aussicht auf ausreichend Patienten würden wir nicht begleiten.
Wir möchten keine Luftschlösser finanzieren. Das Projekt muss wirtschaftlich tragfähig sein und langfristig funktionieren.
Christian:
Du hast grundsätzlich nichts gegen eine Neugründung für 1,3 oder 1,5 Millionen Euro. Problematisch wird es eher, wenn jemand ein Luftschloss am Hamburger Jungfernstieg, am Berliner Ku’damm oder auf der Düsseldorfer Kö bauen möchte. Welche Rolle spielt der Standort tatsächlich?
Alex:
Der Standort ist entscheidend. Dabei geht es nicht allein darum, ob eine Praxis in einer Großstadt oder außerhalb liegt.
Seit Corona hat sich das Verhalten vieler Patientinnen und Patienten verändert. Früher wurde der Zahnarzt häufig in der Nähe des Arbeitsplatzes gewählt. Durch Homeoffice und veränderte Arbeitsmodelle suchen viele Menschen heute eher eine Praxis in der Nähe ihres Wohnortes.
Deshalb können Stadtteile, Vororte und dicht besiedelte Wohngebiete sehr interessant sein. Auch innerhalb von Ballungsräumen gibt es weiterhin Regionen, in denen eine moderne Praxis gute Entwicklungsmöglichkeiten hat.
Man muss genau prüfen, wo Menschen wohnen, arbeiten und medizinische Leistungen tatsächlich in Anspruch nehmen.
Christian:
Es geht dir also nicht darum, unbedingt jede Gründung zu begleiten und damit Geld zu verdienen. Lehnt ihr Projekte auch ganz bewusst ab?
Alex:
Ja. Wir begleiten nicht jedes Projekt um jeden Preis.
Eine Gründung muss fachlich, wirtschaftlich und persönlich zur Gründerin oder zum Gründer passen. Wir schauen uns unter anderem an, welche Qualifikationen vorhanden sind, welche Leistungen angeboten werden sollen und ob eine tragfähige Positionierung entwickelt wurde.
Wenn wir ein Projekt nicht guten Gewissens empfehlen können, lehnen wir die Begleitung ab. Kurzfristig könnte man natürlich auch mit einem ungeeigneten Projekt Geld verdienen. Langfristig fällt eine schlechte Beratung jedoch auf alle Beteiligten zurück.
Unser Anspruch ist, dass die Praxis wirtschaftlich erfolgreich wird und die Gründer langfristig gut mit ihrer Entscheidung leben können.
Christian:
Wenn wir keine Luftschlösser bauen, sondern seriös und eher konservativ planen: Gehen eure Businesspläne und Finanzplanungen tatsächlich auf?
Alex:
Unsere Planungen sind bewusst konservativ. Genau deshalb gehen sie auf.
Wir möchten nicht mit besonders optimistischen Umsätzen überzeugen, sondern realistische Szenarien entwickeln. Wenn sich eine Praxis anschließend besser entwickelt als geplant, ist das für die Gründer eine positive Situation.
Wichtig ist allerdings, dass sich die Gründer an die vereinbarte Budgetplanung halten. Gelder, die für Baukosten, Ausstattung oder Betriebsmittel vorgesehen sind, dürfen nicht spontan für zusätzliche Anschaffungen verwendet werden.
Es kommt beispielsweise vor, dass auf dem Geschäftskonto noch Geld vorhanden ist, eine große Schlussrechnung des Bauunternehmens aber noch nicht bezahlt wurde. Wer dann voreilig ein zusätzliches Gerät anschafft, kann schnell in einen Liquiditätsengpass geraten.
Christian:
Bedeutet eine konservative Planung im Umkehrschluss, dass Gründer in den ersten zwei Jahren nur noch Nudeln mit Ketchup essen dürfen?
Alex:
Nein. Eine seriöse Planung berücksichtigt selbstverständlich auch die privaten Lebenshaltungskosten.
Die Anfangsphase kann unter anderem durch Betriebsmittelkredite, Factoring, mietfreie Zeiten oder tilgungsfreie Anlaufjahre finanziell entlastet werden. So bleibt ausreichend Liquidität für Gehälter, Miete, laufende Praxiskosten und private Entnahmen.
Besonders wichtig sind die ersten zwei bis drei Jahre. In dieser Zeit wird die Praxis aufgebaut, das Team entwickelt und ein Patientenstamm gewonnen.
Mit einem guten Konzept und professionellem Marketing kann eine Praxis in dieser Phase gezielt wachsen. Danach entwickelt sie sich häufig stabil weiter. Dann geht es stärker darum, Prozesse zu optimieren, die richtigen Patientengruppen anzusprechen und das Angebot weiterzuentwickeln.
Christian:
Wenn sich eine Zahnärztin oder ein Zahnarzt erstmals bei dir meldet: Welche Schritte liegen zwischen dem ersten Gespräch und der fertigen Praxis?
Alex:
Der erste Schritt ist meistens die Suche nach einer passenden Praxis oder einer geeigneten Fläche.
Anschließend erstellen wir eine vollständige Investitionsplanung. Darin berücksichtigen wir unter anderem:
- bauliche Maßnahmen,
- Praxisausstattung und Behandlungseinheiten,
- Möbel und Inneneinrichtung,
- IT und technische Infrastruktur,
- Marketingkosten,
- Betriebsmittel und Liquiditätsreserven.
Parallel beginnen je nach Projekt Mietvertragsverhandlungen, Kaufpreisverhandlungen und die Vorbereitung der erforderlichen Verträge.
Bei einer Praxisübernahme kann beispielsweise auch geregelt werden, ob der bisherige Praxisinhaber noch für eine gewisse Zeit angestellt in der Praxis weiterarbeitet.
Hinzu kommen die Abstimmung mit der Kassenzahnärztlichen Vereinigung, die Finanzierung, steuerliche Fragen, Versicherungen, Praxisplanung, Bauunternehmen, Architekten, Lieferanten und Marketing.
Wir begleiten den Prozess auf Wunsch von der ersten Suche bis zur Schlüsselübergabe und Praxiseröffnung.
Christian:
Was ich an deiner Arbeit immer wieder spannend finde, ist, wie umfassend du Gründer tatsächlich begleitest. Du fährst mit zu Besichtigungen, zu Herstellern, in Bankgespräche und teilweise auch in die Verhandlungen mit dem Abgeber. Was bedeutet diese ganzheitliche Begleitung für dich?
Alex:
Wir verfügen über ein umfangreiches Netzwerk aus spezialisierten Partnern. Dazu gehören unter anderem Banken, Steuerberater, Fachanwälte, Architekten, Versicherungsberater, Dentalunternehmen und Marketingagenturen.
Unsere Gründer sind grundsätzlich frei in ihrer Entscheidung. Sie müssen keinen bestimmten Partner beauftragen. Sie profitieren aber davon, dass wir wissen, wer in seinem jeweiligen Bereich zuverlässig und erfahren ist.
Wir begleiten Gründer auch zu Objektbesichtigungen, Bankgesprächen, Kaufpreisverhandlungen oder Gesprächen mit Herstellern und Lieferanten.
Teilweise benötigen Gründer nur einzelne Leistungen. Auch das ist möglich, sofern wir die entsprechenden Kapazitäten haben. Am liebsten begleiten wir ein Projekt jedoch umfassend, weil wir dann alle wichtigen Bereiche miteinander abstimmen können.
Christian:
Du hattest gerade ein Beispiel, bei dem eine regionale Bank einen Kontokorrentzins von elf Prozent aufgerufen hat und eine spezialisierte Bank nur sechs Prozent. Wie groß sind die Unterschiede bei der Finanzierung wirklich?
Alex:
Die Unterschiede zwischen Banken können erheblich sein.
Eine Bank ohne besondere Erfahrung mit Heilberufen bewertet eine Praxisgründung häufig anders als eine Bank, die regelmäßig Zahnärzte und Ärzte finanziert. Das kann sich auf die Geschwindigkeit der Entscheidung, die verlangten Sicherheiten und insbesondere auf die Zinsen auswirken.
In einem konkreten Fall verlangte eine regionale Bank beispielsweise einen Kontokorrentzins von elf Prozent. Bei einer auf Heilberufe spezialisierten Bank lag der Zinssatz bei sechs Prozent.
In einem anderen Fall sollte zusätzlich eine Bürgschaftsbank einbezogen werden. Dadurch hätte der Zinssatz bei etwa 6,2 Prozent gelegen. Eine andere spezialisierte Bank konnte eine Finanzierung über die KfW zu etwa 4,02 Prozent anbieten, ohne eine Bürgschaftsbank einzubinden und ohne zusätzlich die private Eigentumswohnung als Sicherheit zu verlangen.
Bei einer Investitionssumme von 1,3 Millionen Euro und einer Laufzeit von 15 Jahren machen bereits rund zwei Prozentpunkte Unterschied einen erheblichen sechsstelligen Betrag aus.
Eine gute Beratung spart deshalb nicht nur Geld. Nach unserer Erfahrung holt sie häufig mindestens das Fünffache dessen heraus, was sie kostet.
Christian:
Ein bestehendes Team gilt häufig als großer Vorteil einer Praxisübernahme. Gleichzeitig erleben wir bei Neugründungen immer wieder, dass sich trotz Fachkräftemangel gute Mitarbeitende finden lassen. Ist die Personalsuche bei einer Neugründung wirklich ein größeres Problem?
Alex:
Nicht unbedingt. Wir haben sogar häufig die Erfahrung gemacht, dass moderne Neugründungen sehr attraktiv für Mitarbeitende sind.
Eine neu gestaltete Praxis, moderne Technik, ein gutes Design und ein professioneller Auftritt vermitteln potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern, dass dort ein zeitgemäßes Arbeitsumfeld entsteht.
Viele Mitarbeitende möchten heute nicht mehr in starren Hierarchien arbeiten. Sie wünschen sich Wertschätzung, Teamarbeit, Entwicklungsmöglichkeiten und die Chance, sich aktiv einzubringen.
Bei Praxisfotos sollte deshalb nicht nur an Patienten gedacht werden. Auch der Sterilisationsbereich, der Röntgenraum oder der Sozialraum können für potenzielle Mitarbeitende interessant sein.
Ein klimatisierter Aufbereitungsraum, ein angenehmer Pausenbereich oder eine gute Kaffeemaschine sind im Verhältnis zur Gesamtinvestition kleine Ausgaben. Für die Mitarbeitergewinnung und Mitarbeiterbindung können sie jedoch einen großen Unterschied machen.
Eine Praxisübernahme bietet zwar ein bestehendes Team. Es ist aber nicht garantiert, dass alle Mitarbeitenden unter einer neuen Praxisleitung bleiben. Auch dort muss geprüft werden, ob Team, Führung und zukünftiges Konzept zusammenpassen.
Christian:
Wenn eine Praxis seit 20 oder 30 Jahren besteht, sind Technik und bauliche Substanz häufig entsprechend alt. Was muss bei einer Übernahme besonders genau geprüft werden?
Alex:
Ein häufiges Thema ist die Elektrik.
Ältere Praxen verfügen teilweise über Elektroinstallationen, die heutigen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Bestimmte Geräte benötigen beispielsweise separate Zuleitungen oder eine Absicherung über FI-Schutzschalter. Alte Sicherungskästen lassen sich häufig nicht ohne Weiteres erweitern.
Auch die IT kann veraltet sein. Wir finden immer noch Praxen mit einem einzelnen Rechner an der Rezeption, ohne vernünftige Vernetzung oder teilweise sogar mit analogem Röntgen.
Hinzu kommen alte Behandlungseinheiten, Aufbereitungssysteme und andere technische Anlagen.
Wenn eine Praxis umfassend saniert werden muss, kann sie sechs bis acht Wochen geschlossen bleiben. Direkt zu Beginn einer Existenzgründung ist das eine erhebliche wirtschaftliche Belastung.
Deshalb muss genau geprüft werden, ob der Kaufpreis und die erforderlichen Folgeinvestitionen noch in einem vernünftigen Verhältnis stehen.
Christian:
Ein Punkt, den viele Gründer wahrscheinlich überhaupt nicht auf dem Schirm haben, ist die Nutzungsgenehmigung. Eine Gewerbefläche ist nicht automatisch als Zahnarztpraxis nutzbar, richtig?
Alex:
Genau. Eine gewerblich genutzte Fläche ist nicht automatisch als Zahnarztpraxis genehmigt.
Es muss eine Bau- beziehungsweise Nutzungsgenehmigung vorliegen, aus der hervorgeht, dass die Räume als Zahnarztpraxis genutzt werden dürfen.
Fehlt diese Genehmigung, kann eine sogenannte Nachlegalisierung erforderlich sein. Dabei muss die Nutzung nachträglich durch einen Architekten oder eine Architektin beantragt werden.
Das kann problematisch sein, weil sich Bauvorschriften in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert haben. Besonders im Brandschutz gelten heute teilweise andere Anforderungen als zum Zeitpunkt der ursprünglichen Praxisgründung.
Im schlimmsten Fall entspricht eine ältere Praxis den heutigen Voraussetzungen nicht mehr und kann deshalb nicht ohne umfangreiche Umbauten übernommen werden.
Christian:
Als Laie würde ich nach diesen Beispielen sagen, dass man eine Praxis eigentlich nicht ohne spezialisierte Begleitung übernehmen sollte. Wie häufig stößt du auf Probleme, die ein Zahnarzt bei einer ersten Besichtigung gar nicht erkennen kann?
Alex:
Eigentlich gibt es bei fast jedem Projekt Besonderheiten.
Das können alte Geräte, bauliche Probleme, fehlende Genehmigungen, ungünstige Mietverträge oder komplizierte rechtliche Konstruktionen sein.
Die entscheidende Frage ist, ob eine Gründerin oder ein Gründer all diese Themen neben der bisherigen beruflichen Tätigkeit selbst prüfen kann und über die notwendige Erfahrung verfügt.
Auch künstliche Intelligenz kann bei der Recherche unterstützen. Sie ersetzt aber nicht die praktische Erfahrung und den Blick für Probleme, die man erst bei einer Besichtigung oder aus vielen begleiteten Projekten heraus erkennt.
Wichtig ist außerdem zu wissen, wann zusätzliche Spezialisten benötigt werden. Bei komplexen rechtlichen Fragen holen wir beispielsweise einen Fachanwalt für Medizinrecht hinzu.
Christian:
Wenn wir noch einmal auf die finanziellen Unterschiede schauen: Bei einer Übernahme gibt es sofort Patienten und Einnahmen. Bei einer Neugründung startet man auf der grünen Wiese. Welche Gründungsform ist wirtschaftlich interessanter?
Alex:
Bei einer Praxisübernahme sind vom ersten Tag an Patienten und laufende Einnahmen vorhanden. Dadurch erscheint das wirtschaftliche Risiko zunächst geringer.
Bei einer Neugründung müssen viele Kosten vorgestreckt werden. Auch private Entnahmen und laufende Betriebskosten müssen überbrückt werden, bevor die ersten größeren Einnahmen eingehen.
Nach den Erfahrungen von diwium und anhand der Zahlen der von uns begleiteten Praxen ist die Neugründung perspektivisch jedoch häufig die wirtschaftlich bessere Gründungsform.
Die Gründer können die Praxis von Anfang an passend zu ihrem Konzept aufbauen. Sie übernehmen keine veralteten Strukturen, müssen keine späteren Umbauten finanzieren und können Prozesse, Technik, Team und Positionierung unmittelbar aufeinander abstimmen.
Christian:
Viele Menschen gehen bei Investitionen von mehr als einer Million Euro wahrscheinlich davon aus, dass Gründer sehr viel Eigenkapital mitbringen oder sogar ihre private Immobilie als Sicherheit einsetzen müssen. Ist das tatsächlich so?
Alex:
In der Regel kann eine Praxisgründung vollständig über eine Bank finanziert werden.
Das gilt auch für größere Neugründungen. Es ist nicht sinnvoll, privates Vermögen in die Praxis zu investieren. Finanzierungskosten können grundsätzlich als betriebliche Aufwendungen steuerlich berücksichtigt werden. Privates Kapital sollte dagegen im privaten Bereich bleiben und dort als persönliche Rücklage und Sicherheit zur Verfügung stehen.
Auch private Immobilien sollten im Normalfall nicht als Sicherheit eingebracht werden müssen.
In besonderen Fällen kann eine begrenzte Bürgschaft sinnvoll sein. Das muss jedoch individuell geprüft werden. Aufgrund der sehr niedrigen Ausfallquote bei Zahnarztpraxen sollten unverhältnismäßig hohe private Sicherheiten kritisch hinterfragt werden.
Christian:
Zahnärzte haben eine extrem niedrige Ausfallquote. Wenn eine Praxis dennoch in finanzielle Schwierigkeiten gerät, liegt das häufig an einer Verkettung mehrerer Fehlentscheidungen. Worauf sollten Gründer besonders achten?
Alex:
Einer der wichtigsten Punkte ist, sich an die Finanz- und Budgetplanung zu halten.
Gerade bei einer Neugründung werden in der ersten Zeit möglicherweise noch keine oder nur geringe Steuervorauszahlungen verlangt. Trotzdem entstehen später Steuerzahlungen. Dafür müssen frühzeitig Rücklagen gebildet werden.
Diese Beträge sollten auf einem separaten Konto zurückgelegt werden. Es ist äußerst problematisch, wenn eine Praxis Steuern nachfinanzieren muss. Für eine Bank ist das ein deutliches Warnsignal.
Gründer sollten außerdem eng mit einem auf Heilberufe spezialisierten Steuerberater oder Unternehmensberater zusammenarbeiten. Ein regelmäßiges Controlling zeigt, wie sich Umsätze, Kosten, Liquidität und Steuerlast entwickeln.
Wenn die Praxis besser läuft als geplant, steigen auch die zu erwartenden Steuerzahlungen. Zusätzliche Einnahmen dürfen deshalb nicht vollständig privat entnommen werden.
Christian:
Manchmal wird über die Farbe einer Wand oder einige Euro bei einem Vertrag tagelang diskutiert, während bei großen Entscheidungen kaum verglichen wird. Welche typischen Denkfehler beobachtest du bei Existenzgründern?
Alex:
Manche Gründer suchen zu lange nach dem Haar in der Suppe und verlieren dadurch gute Gelegenheiten.
Natürlich muss eine Praxis sorgfältig geprüft werden. Irgendwann muss aber eine unternehmerische Entscheidung getroffen werden. Eine vollkommen risikofreie Praxis, die alle Wünsche erfüllt, gibt es nicht.
Wir haben mehrfach erlebt, dass wirtschaftlich sehr interessante Praxen an andere Interessenten verkauft wurden, weil potenzielle Käufer zu lange gezögert haben.
Existenzgründung bedeutet auch Unternehmertum. Dazu gehört, Entscheidungen auf einer guten Informationsgrundlage zu treffen und ein kalkulierbares Risiko einzugehen.
Ein weiterer Denkfehler besteht darin, viel Zeit mit vergleichsweise kleinen Details zu verbringen und gleichzeitig große wirtschaftliche Fragen zu vernachlässigen. Über Wandfarben oder einzelne Ausstattungsdetails kann sehr lange diskutiert werden. Wichtiger sind jedoch Standort, Finanzierung, Grundriss, Arbeitsabläufe, Teamkonzept und Positionierung.
Christian:
Du hast inzwischen unzählige Praxisgründungen begleitet. Was sind deine wichtigsten Tipps für Zahnärztinnen und Zahnärzte, die gerade über eine eigene Praxis nachdenken?
Alex:
Der erste Tipp ist, frühzeitig mit der Planung zu beginnen. Eine Existenzgründung ist selten innerhalb weniger Monate abgeschlossen. Häufig arbeiten wir ein Jahr oder länger mit den Gründern zusammen.
Deshalb muss die Zusammenarbeit auch menschlich passen.
Der zweite Tipp ist, Fachleuten zu vertrauen. Wir prüfen Projekte nicht allein. Bei Übernahmen und Neugründungen schauen neben uns auch Steuerberater und Banken auf die wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Der dritte Tipp ist, Mut zu haben. Wer sich gründlich vorbereitet hat und ein tragfähiges Konzept besitzt, sollte nicht jede Entscheidung immer wieder grundsätzlich infrage stellen.
Der vierte Tipp ist, eine Praxis nicht nur aus Sicht des Inhabers zu planen. Auch die Perspektive der Patienten und Mitarbeitenden ist wichtig.
Das betrifft beispielsweise kurze Laufwege, eine möglichst barrierearme Gestaltung, geeignete Wartebereiche, moderne Arbeitsplätze und gut organisierte Aufbereitungsräume.
Eine erfolgreiche Praxis entsteht dort, wo wirtschaftliche Planung, medizinisches Konzept, Arbeitsabläufe, Mitarbeiterbedürfnisse und Patientenerlebnis zusammenpassen.
Christian:
Lieber Alex, ich danke dir für das Gespräch.
Kontaktdaten:
Alexander Schmitt
Gründer und Geschäftsführer, diwium
as@diwium.de
0162 – 546 0000
www.diwium.de